Das ist das Traurige in der Welt…

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Richard von Hagn: Margaretenmühle vor Husum (1930)

Am blauen Stein

Hinter den Feldern am blauen Stein
Singt ein Vogel im stillen Hain:
Das ist das Traurige in der Welt,
Es löst sich das Blatt und fällt,
Doch das ist das Gute daran,
Es hängt sich woanders an.

Nimmt es der Wind aus den Ästen fort,
Treibt es einsam von Ort zu Ort,
Heimatlos, herbstlich, auf dunkler Spur
Dem Abend entgegen nur,
Doch über die Stoppeln hinweg
Strahlt leuchtend ein heller Fleck.

Dort in der Ferne glänzt Himmelslicht,
Wo der Kirchturm nach oben sticht,
Werden wir einmal zu Hause sein,
Ein Gotteswort lädt uns ein,
Die Sonne, sie weist uns den Pfad,
Ihr Zeiger dreht unser Rad.

Abschied von Freunden, die seelennah,
Traute Blicke, die nimmer da,
Liebende Herzen, die aufgehört
Zu schlagen, in Gram zerstört;
Ach, Ödland, wie wird mir hier kalt,
Das Jahr ist zu Ende bald!

Hinter den Feldern am blauen Stein
Singt mir einsam ein Vögelein:
Das ist das Traurige in der Welt,
Es löst sich das Blatt und fällt,
Doch das ist das Tröstliche dran,
Es hängt sich woanders an…

©Wolfregen

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Und mancher Apfel rot erglüht in Tagen…

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Foto: ©Constanze

~ Herbstfeuer ~

Das Grün des Sommers reicht weit in den Herbst
und mancher Apfel rot erglüht in Tagen,
die grau durchwirkt die lichten Äste tragen;
und alles, was du mit dem Goldton gerbst,
das leuchtet funkengleich in dunkler Zeit,
sei ernsthaft stets und für den Tod bereit,
doch feire auch die späten, güldnen Stunden,
die lange Ernte eines kurzen Lebens,
das seinen Sinn in Dankbarkeit gefunden
für all dies Schöne, das Musik ist, stillt
ein tiefes Herz, und deshalb nicht vergebens,
auch wenn mit Wehmut vieles dich erfüllt,
weil scheinbar es verhallt und Heimstatt schwindet
in schwerer Brust, die atmend sich doch hebt
und weiter an den Schicksalstüchern webt;
du selbst bist es, der sich ans Dasein bindet
und nicht zu früh fällt wie das Obst, verkümmert,
obwohl das Grün noch bis zum Winter schimmert,
orange sich färbt und gelb und braun und müd
sich langsam dann aus Blättern schleicht und blüht
in einem letzten großen Tanz, der endet
und still der Erde seine Farben spendet…

©Constanze

Wenn ich weinen und träumen will…

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Reginald Barratt: View on the Grand Canal (ca. 1907)

Immer Venedig

Venedig, warum denn immer
Venedig nur, wenn ich weinen
Und träumen will?
Du bist wie ein schönes Zimmer,
In das mir Abende scheinen,
Golden und still.

Ein Bild aus barocken Zeiten,
Aus welchem Gondeln stumm gleiten,
Als wären sie
Schon immer traurig gefahren
Und Sehnsucht, vergilbt an Jahren,
Endete nie.

Venedig, Musik von weit her,
Wo selbst der Tod ein Gondolier
In Maske ist,
Vorbei an Kirchen und Brücken,
Kanäle, geheime Lücken
Sind sie der List.

Verführen mit ihren Liedern,
Das helle Mondlicht erwidern
An Fenstern dort,
Und wohnt auch niemand dahinter
Und schläft das Trugbild im Winter,
Träumt es doch fort…

©Wolfregen

Vom Dorf her hört man läuten…

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Foto: ©Wolfregen

Scheideweg

Zum Brünnlein hin, zur Quelle
Zieht mich es zum Gebet,
Zur stillen Waldkapelle,
Die dort verlassen steht.

Und kniend hell im Lichte
Fleht meine Seele trüb
Vor deinem Angesichte
Für sie, die mir so lieb.

Herr, lass sie mir gesunden,
Ohn Hoffnung liegt sie da,
Du hast ihn überwunden,
Nicht nenn ich ihn, der nah.

Vom Dorf her hört man läuten,
Zum Abend ist’s zu früh,
Das Glöcklein heißt uns scheiden,
Es trauert schon um sie!

So ist sie denn erlegen,
Umsonst der Weg hierher,
Zurück und ihr entgegen
Muss gehn ich doppeltschwer…

©Wolfregen

Toupet tut nicht weh!

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Foto: ©Thomas Schmidt, Quelle: commons.wikimedia.org

Tante Lotte erzählt vom Toupet

Mei Bruder, der Werner, hat schee ausg‘seh,
Ganz schwarze Haar hat er g’hett als junger Ma
Und immer gern a weiß Hemd dazu a
Und weil er im Sommer schnell braun worda ist,
Hen Ortsfremde, wenn se net weiterg’wisst,
Ihn au scho mal g’fragt, ob er denn Deutsch versteh.

Hervorragend, hat er g’sagt und hat dann g’lacht,
Sei Spitznama hat em nichts ausgemacht,
Doch als em dann früh scho die Haar ausganga,
Na musst er sich, glaub ich, erst mal fanga,
Zuerst hat er sich Schuhcreme ins Haar neig’schmiert,
Dann hat er’s mit einem Toupet probiert.

A richtigs hat er net kaufa wella,
Ma konnt damals so was au no net b’stella,
Sich g’schämt hätt er, denk i, han’s oft erlebt,
Na hat er, auf die Idee is er komma,
Sich heimlich an Pappadeckel g’nomma
Und von am Besa die schwarz Stoppel draufklebt.

Ma hat’s halt g’seh, lang hat er’s vor uns verhehlt,
Seim Dackele hen au mal Härla g’fehlt,
D‘Elfriede hat nur die Auga verboga,
Ei’mal is ems vom Kopf runterg’floga,
Schnell hat er’s verschrocka ins Zimmereck g‘kickt,
Na hem ern halt doch zum Haarmacher g‘schickt…

©Wolfregen

PS: Zum besseren Verständnis wieder einige Übersetzungsversuche ins Hochdeutsche:
„mei“=mein, „schee ausg‘seh“=schön ausgesehen, „g’hett“=gehabt, „Ma“=Mann, „a weiß Hemd“=ein weißes Hemd, „a“=an, „worda“=geworden, „hen“=haben, „se net weiterg’wisst“=sie nicht weitergewusst, „au scho mal g’fragt“=auch schon einmal gefragt, „g’sagt“=gesagt, „g’lacht“=gelacht, „sei Spitznama“=sein Spitzname, „em“=ihm, „ausganga“=ausgegangen, „na“=dann, „fanga“=fangen/beruhigen, „neig’schmiert“=hineingeschmiert, „a richtigs“=ein richtiges, „net kaufa wella“=nicht kaufen wollen, „ma“=man, „au no net b’stella“=auch noch nicht bestellen, „g’schämt“=geschämt, „denk i“=denke ich, „han’s“=habe es, „is er komma“=ist er gekommen, „an Pappadeckel g’nomma“=einen Pappendeckel genommen, „von am Besa“=von einem Besen, „ma hat’s halt g’seh“=man bemerkte es, „seim Dackele hen au mal Härla g’fehlt“=seinem Rauhaardackel schnitt er auch einmal einige Haare ab, „d‘Elfriede“=die Elfriede, „Auga verboga“=Augen verdreht, „ei’mal is ems vom Kopf runterg’floga“=einmal fiel ihm das selbstgebastelte Toupet vom Kopf herunter, „verschrocka“=erschrocken, „g‘kickt“=gekickt, „na hem ern halt doch“=dann haben wir ihn (schweren Herzens) doch, „g‘schickt“=geschickt

Ein sanftes Wiegen, Flüstern…

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~ Mediterranes Brunnenlied ~

Wenn ich dem Brunnen lausch, fühl ich das Meer,
ein sanftes Wiegen, Flüstern in den Weiten,
tief sich ergießt und strömt endlos in mir,
azurgetränkt ziehn Himmel, Flut und Zeiten;
Gedanken rauschen müde, wehmutsschwer,
doch leicht zugleich wie eine Sommerbrise,
der Südwind sachte trägt und lässt dich hier
im Wogen einer warmen, bunten Wiese
blaublumig tanzend in die Ferne schweifen;
und wie ein lichter Vogel nur im Wind
entfaltet sich dein Hemd gleich einem Segel
und flattert leis wie beim verspielten Kind,
das alles lüftet sorglos ohne Regel,
um froh und nah das Leben zu begreifen –
tauch ein ins kühle Nass die durst’ge Hand
und lausch dem Lied am alten Brunnenrand!

©Constanze

Worte bauen ein Gedicht…

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William Adolphe Bouguereau: La Bohémienne (1890)

Schreibst du im alten Stile

Reim und Metrum sollen sein
Wie Strebewerk und Abschlussstein
In einer alten Kathedrale:
Erstes stützt und Letztes hält,
Der Inhalt sorgt, dass es gefällt,
Zu wandeln in so strenger Schale.

Worte bauen ein Gedicht
Und Bilderstürmer dürfen nicht
An Silben wie Figuren hacken;
Unsinn treibt den Hörer fort,
Er kommt an einen Weiheort,
Wo ungelenke Schritte knacken.

Steht ein Kasper am Altar
Und nimmt man Selbstverliebtes wahr,
Der Ton gespreizt, die Form verblasen,
Fallen wir vom Glauben ab
Und schauen auf den Grund hinab,
Der schmal nur taugt zu Däumlingsphrasen.

Wie das Orgelspiel beim Fest
Den Kantor auch nicht sehen lässt,
Soll Geist, nicht Not den Raum erfüllen!
Leicht gesagt und schwer getan –
Wer Platz hier nimmt, mein Freund, wohlan:
Der biete mehr als leere Hüllen.

©Wolfregen

Rosenreigen

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Alle Fotoaufnahmen (zum Vergrößern bitte anklicken) von ©Constanze, entstanden im https://www.landhaus-ettenbuehl.de/  

~ O Rose, du göttliche! ~

In dir lebt immerzu ein Himmelszeichen,
ein Stück von einem Schmetterling, so leicht,
du lüftest deine Flügel, die ihm gleichen,
mit Duft umflort, der bis zur Sonne reicht,
und feiner Ader Blattwerk, filigran
wie seidenes Papier liniert, beschrieben
vom Lebenssaft auf lichtdurchtränkter Bahn –
du trägst die Botschaft Gottes in den Trieben,
an zarten Knospen bis zur Blüte hin;
und Schönheit ruht verdichtet Blatt um Blatt,
geschlossner Lider Kranz, der Seiten hat,
gefaltet wie ein Manuskript darin,
ein undurchsicht’ges, inhaltsschwer zu lesen
und doch bereit zur öffnenden Bewegung,
du gibst im Reigen ganz dein innres Wesen
und Blätterschale zittert in Erregung
und tanzt im Wind nach oben und zum Grund,
wo alles aufgeht, welkt in letzter Stund…

©Constanze

Sommerfenster zur Ewigkeit…

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Foto: ©Wolfregen

Frühsommertage

Juni, Holunder- und Rosenmond,
Unter den Bäumen ein Zauber wohnt,
Freunde, geht es euch ebenso?
Ich bin beides: traurig und froh.

Niemals im Jahr sonst, nichts eilt hinfort,
Fühl ich vergänglicher Zeit und Ort,
Sommerfenster zur Ewigkeit,
Alles grünt und atmet befreit.

Blühende Gärten im hellen Licht,
Liegend im Schatten die Stille spricht,
Tagtraum schimmert so süß und bleich,
Blauen Himmel spiegelt der Teich.

Sonne, was treibt dich nach Norden nun?!
Pan lässt am Mittag mein Herz nicht ruhn,
Stört ihn goldenes Flötenspiel?
Nie ist Sehnsucht näher am Ziel…

©Wolfregen

Man muss mit der Zeit gehen…

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Postkarte von Bonlanden (ca. 1912)

Tante Lotte erzählt vom Grüßgottsche

Vis-à-vis hat der Hermann sei Bäckerlädle g’hett,
Mei Bruder, der Werner, is als Kind
Oft bei ihm in der Backstub g’standa
Und wie dann au Zuzogne zu nem komma sind
Und alles anders worda is in Bo‘landa,
Wollt altbacka sei au der Hermann net.

Is ma in Lada reikomma, hat er „Grüüß Gott“ jetz g‘sagt,
Ganz langzoga und g’schwolla,
Hat ma a no‘mals Brot von ihm wolla,
Hat er‘s laut wiederholt: „Ein normaales Brot“,
Aufrecht is er dag’standa und hat wichtig guckt,
Hat’s Brot ins Brotpapier g’wickelt
Und die Registrierkass druckt.

Na han ihn einmal g’fragt,
I war scho beinah aus der Tür,
Hermann, warum sprichsch so komisch mit mir?
Na hat er hochdeutsch nur g‘sagt:
„Lotte, man muss mit der Zeit gehen“,
I musst mir‘s Lacha verbeißa,
Seither hat er bei uns der „Grüßgottsche“ g’heißa.

Des hat ihn aber net groß g’stört,
Die halb Kronastraß hat ihm später g’hört
Und mit seiner Tochter, der wischt Krott,
Is er am Sonntag durch da ganze Ort
Mit der Pferdekutsch g’fahra –
Des hätt er sich allerdings könna spara…

Hat mi an a Bo‘länderin erinnert,
Die mal nach Stuttgart nunterkomma is,
Wo se wieder da war, hat se zu de Kleider,
Die se dort g’seh hat, g’sagt:
Ta ra Knöpfe, ta ra Knöpfe, hinten ganz pehäbe!

©Wolfregen

PS: Weil Tante Lotte nun schon länger nicht mehr zu Wort gekommen (und wahrscheinlich vieles vergessen worden ist), hier eine Übersetzung ins Hochdeutsche:
„sei Bäckerlädle g’hett“=seinen Bäckerladen gehabt, „mei“=mein, „is“=ist, „Backstub g’standa“=Backstube gestanden, „wie dann au Zuzogne zu nem komma sind“=als dann auch Zugezogene zu ihm kamen, „worda“=geworden, „Bo’landa“=Bonlanden, „altbacka sei“=altbacken sein, „net“=nicht, „is ma in Lada reikomma“=ist man in den Laden eingetreten, „Grüüß Gott“ (dem „Gott“ folgt dabei ein stimmlos gehauchtes „tsch“)=der Versuch, hochdeutsch „Grüß Gott“ (Guten Tag) zu sagen, „jetz g‘sagt“=jetzt gesagt, „langzoga und g’schwolla“=langgezogen und geschwollen, „a no‘mals“=ein normales, „wolla“=wollen, „dag’standa“=dagestanden, „g’wickelt“=gewickelt, „Registrierkass“=Registrierkasse, „druckt“=gedrückt, „na han ihn“=dann habe ich ihn, „g’fragt“=gefragt, „i war scho“=ich war schon, „sprichsch“=sprichst du, „mir‘s Lacha verbeißa“=mir das Lachen verbeißen (verbieten), „g’heißa“=geheißen, „des“=das, „net groß g’stört“=nicht sehr gestört, „die halb Kronastraß“=die halbe Kronenstraße, „g’hört“=gehört, „wischt Krott“=wüste (hässliche) Kröte, „da ganze Ort“=den ganzen Ort, „mit der Pferdekutsch g’fahra“=mit der Pferdekutsche gefahren, „hätt könna spara“=hätte ersparen können, „mi an a Bo‘länderin“=mich an eine Bonländerin, „nunterkomma is“=hinuntergekommen ist, „wo se“=als sie, „zu de“=über die, „g’seh“=gesehen, „ta ra Knöpfe, ta ra Knöpfe, hinten ganz pehäbe“=pseudohochdeutscher Versuch, zu sagen: da herunter (ta ra), dort hinunter (ta ra), hinten ganz eng (phäb)