Lang war der Winter, kalt das Schweigen…

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Foto: ©Constanze

~ Frühlingslied flieg! ~

Rotkehlchen singt dir seine Weisen
von Abschied und von Neubeginn,
beflügeln möcht es, höre hin
und lausche jedem hellen Ton,
der freudig zu dir springt und spricht,
bald ist es Mai, du weißt es schon,
von Ast zu Ast hüpft Frühling licht
und nimmt dich mit auf Sanges Reisen…

Lang war der Winter, kalt das Schweigen
und müde hing das blasse Blatt,
dann flogs zu Boden welk und matt;
doch nun wächst Grünes im Geäst
und ’s flattert um des Vogels Nest
– fühl unvergleichlich dieses Lied,
das ewig auch für dich erblüht
herzinnig schön im Lebensreigen!

©Constanze

In freier Trägerschaft

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Wilhelm Busch: Lehrer Lämpel (1865)

Montagmorgen in Flausenhausen

Es fährt die erste Straßenbahn,
Auf freier Strecke hält sie an:
Der Fahrer, nicht von abzubringen,
Möcht hören, wie die Vöglein singen.
Der Bäcker blieb im Bette liegen,
Auch Brötchen wird man heut nicht kriegen,
Er lauschte, was der Nachtmahr sprach,
Nun schläft er noch, ihm war danach.

Der Lehrer lässt im Unterricht
Die Schüler schreiben, wie sie wollen,
Und schöpft gleich selber aus dem Vollen,
Was vorzuschreiben, liegt ihm nicht.
Er geht hinunter in den Hof
Und lässt die Schüler oben walten,
So lernt man, selber zu gestalten,
Die Sonne scheint, sie sind nicht doof.

Nicht lange und die Schule brennt,
Die Feuerwehr kommt angerennt,
Doch einer hat den Schlauch zerschnitten,
Die Freude hat ihn halt geritten.
Der Richter lacht und zählt die Scheiben:
Ihr seht, das lässt man besser bleiben,
Am Schlauche liegt die Sauerei –
Und spricht die Kreativen frei.

Authentisch auch die Eltern sind,
Sie wollen zwar von Schuld nichts wissen,
Doch ihre Schule auch nicht missen
Und gründen einen Fonds geschwind.
Bei so viel Schülerpotential,
Da wird man Investoren finden
Und neue Träger an ihn binden,
Ein Förderpreis winkt allemal.

Der Bürgermeister hilft gern aus,
Das Schulamt hält sich lieber raus,
Es spricht sich rum, muss intressieren,
Wie stark sich alle engagieren.
Ein Motto war es, das noch fehlte,
Nach einem Stuhlkreis, der sehr quälte,
Hat man gefunden, was man braucht:
Erlebe Schule, die nicht schlaucht…

©Wolfregen

Auferstehung

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Foto: ©Constanze

~ Magnolia ~

Durchsichtig schimmert blassrosé die Haut
an unverbrauchtem Blattwerk, aufgerichtet
mit Blick zum weiten Himmel, der hier blaut,
und süßem Duft, der webt und Wärme stiftet
in Herz und Seele – lichter Blütenglanz! –
ein feiner Windhauch leise klingt und wiegt
in Kelchen königlich an Frühlingstagen
und güldner Sonnentanz,
der lächelnd in der Krone Schönheit liegt
– Aurora singt ihr Lied ganz ohne Klagen…

Sie möchte blühn fernab von dumpfen Qualen,
durchbrach die dichten knorrigen Geäste,
ging auf, befreite sich von grauen Schalen,
um abzustreifen letzte raue Reste
wie einst der Herr, der durch die Dornen brach
und alles von sich gab mit fahlem Haupt,
um aufzustehn von engen Marterbanden,
elender Erdenschmach,
im lilienreinen Kleid, ganz unbelaubt,
mit Engelsflügeln, die dem Tod entschwanden…

©Constanze

„Ich sah ein fahles Pferd, drauf saß der Tod und die Hölle folgte ihm nach…“ (Offb 6,8)

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Biblische Plage

Es naht ein ungeheures Heer an Ratten
Und ihre Zahl ist unvorstellbar groß,
Schon ganze Länder drückt ihr dunkler Schatten,
Denn unaufhaltsam rücken sie drauf los;
Sie mehren sich, indem sie rings sich gatten,
Der Wandernachbar sucht nicht lang den Schoß.

Von Sonnenaufgang bis zum Abendschimmer
Vorüberströmen sie, doch nicht vorbei,
Sie drängen sich in jedes Haus und Zimmer
Und fressen alles auf und wär’s aus Blei;
Man kann nicht sagen, es wird täglich schlimmer,
Es ist zu Ende, wo ihr Haupt auch sei.

Nichts hält sie auf, kein Graben, keine Mauer,
Sie türmen sich und klettern drüber weg,
Kein Hindernis ist da von langer Dauer
Und Widerstand erreicht nicht seinen Zweck…
Prophet, mich fasst ein heilig ernster Schauer,
Dein Bild ist furchtbar und den Tod ich schmeck!

Sie können hungern, frieren, lange darben,
Sich selber fressen sie, wenn’s nichts mehr gibt,
Und neue Ratten werden, wenn sie starben,
So viele, wie es ihnen nur beliebt;
Der Himmel dämmert schon in düstren Farben,
Der Mond ist’s, der sich vor die Sonne schiebt.

©Wolfregen

Sie kann sich daran nicht erfreuen…

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Wilhelm Hasemann: Bauernhaus (ca. 1900)

Trauriger Frühling

Der Frühling ließ lang auf sich warten,
Weit später als unten im Tal
Entdeckt man hier Blümlein im Garten,
Die Bäume im Wald sind noch kahl.

Nun blüht es am Weg und auf Wiesen
Und Knospen sich öffnen am Strauch,
Es keimt und will überall sprießen
Und grün wird’s im Walde nun auch.

Sie kann sich daran nicht erfreuen,
So sehr sie es immer getan,
Das Leben selbst muss sie gereuen,
Sie liebt einen anderen Mann.

Den darf sie nicht haben, musst wählen
Den Reichen, der ihr nicht gefällt,
Im Winter zur Hochzeit sich quälen,
So scheint ihr nun Dasein und Welt.

Hier sitzt sie und wischt ihre Tränen
Und schaut in die Ferne hinaus,
Dort irgendwo ruht alles Sehnen,
Da sind wir am Ziel und zu Haus.

Vom Tale her läuten die Glocken,
Sie läuten mit lieblichem Klang,
Da weiß sie, ihr Auge wird trocken,
Es dauert ihr Leid nicht mehr lang.

Man hat sie schon bald drauf begraben,
Sie starb an gebrochenem Herz,
Die Blümlein, die stumm sie umgaben,
Die sprießen noch immer im März.

©Wolfregen

PS: Der Heimatdichter Heinrich Hansjakob beschrieb diese traurige und wahre Geschichte 1892 in seiner Erzählung „Der Vogt auf Mühlstein“.

Zum Tag der Poesie

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Angelika Kauffmann: Allegorie der Poesie und Musik (1782)

2013 bereits veröffentlicht, aber an dieser Stelle noch einmal
zu lesen, da es zum heutigen Tag so wunderbar passt:

~ Mein Zimmer: die Poesie…~

O Poesie, du bist der Sprache Krönung,
schmückst stille Seelenwinkel bunt und fein,
trägst Versjuwelen in den Schrein des Herzens,
wenn Geistesfunken neuen Glanz dir weihn.

Wie hast du dich dem Innern anverwandelt,
erlesner Raum, der eingeschrieben bleibt,
mit Sehnsuchtsblicken, schauerlich Entzücken,
hab ich mir deine Schönheit einverleibt.

Spiel auf zum Satz mit freudigem Ersinnen,
mach Bildersäle magisch, wunderweit,
der Silben Klangspiel ruft zu stetem Tanze,
im Oberstübchen ist das Wort befreit!

©Constanze

Ich bin allein…

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Edward Hopper: Nighthawks (1942)

Das Leuchten der großen Stadt

Ich stehe am Balkon
Dort, wo ich wohn,
Ich bin allein
Und will’s nicht sein.

Das Licht der großen Stadt,
Es macht nicht satt,
Es leuchtet nur
In Unnatur.

Es leuchtet jede Nacht.
Ein U-Bahn-Schacht
Verbindet die
Peripherie.

Die Vorstadt über ihm
Bleibt anonym,
Hat kein Gesicht,
Nur dieses Licht.

Ich starre nachts darauf,
Es löst mich auf,
Ich seh‘s unbrav
Auch noch im Schlaf.

Zu ihm kehr ich zurück
Mit müdem Blick,
Der Raum ist leer,
Mich gibt’s nicht mehr.

©Wolfregen

Am weißen Schloss hier oben…

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Auguste-Henry Berthoud: Junges Mädchen in Tracht in sommerlicher Voralpenlandschaft (vor 1887)

Frühlingsnachmittag

Es liegt ein zarter Schleier
Weit überm ganzen Land,
Als hätt geheim ein Feuer
Nur seinen Rauch gesandt.

Gleich einem Tropfen Tinte,
Der helles Wasser trübt
Und schimmerweich wie Seide
Das ferne Blau ergibt.

Man sieht die Berge ragen
Am breiten Horizont,
Die alle Schnee noch tragen
Vor goldnem Himmelsgrund.

Davor in blasser Ebne
Der junge Frühling keimt,
Der noch in schwachen Farben
Von seinem Blühen träumt.

Am weißen Schloss hier oben
Hat vor dem Turmgemach
Ein Täubchen sich erhoben
Und flattert übers Dach.

Wer mag gewohnt dort haben
In schöner, alter Zeit?
An warmen Frühlingstagen
Sieht man hier alpenweit.

Ich denk an die Prinzessin,
Die schön und unnahbar
In einem ernsten Märchen
Vom Fenster alles sah.

©Wolfregen

Und sieh den Schimmer zarten Grüns …

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Foto: Constanze

Foto: ©Constanze

~ Neu geboren ~

Neu bist du,
wenn du den Winter lassen kannst
– lass sein für dieses Jahr! –
und fühl den ersten wärm‘ren Strahl
der Sonne auf der Haut;
dann streu ein Lächeln aus,
das wie ein Same keimt im Erdenschoß
und Blüten sprießen lässt,
und sieh den Schimmer zarten Grüns,
das bald durch dunkle Gründe bricht
so wie die Freude in des anderen Gesicht,
gestreift von deinem sanften, lichten Blick,
der diesen Frühling wachsen lässt
durch grau verhangne Decken
und einkehrt in die Herzen,
um dich und mich
und schließlich alles
zu erwecken!

©Constanze

Ein kleines, gelbes Etwas…

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Foto: Constanze

Foto: ©Constanze

Frühlingsbote

Ich trag es mit mir mit
Wie eine Feengabe,
Seit ich das schöne Bild
Im Wald gesehen habe.

Noch alles kahl und braun
Und tot und ohne Leben,
Die Sonne schien hindurch,
Da sah ich etwas schweben.

Ein kleines, gelbes Etwas,
Es gaukelte im Licht,
War ein Zitronenfalter
Und März war es noch nicht.

Am ersten warmen Tage
Schon war er zart erwacht,
O wüsst er, welche Freude
Er mir damit gemacht.

©Wolfregen