Wie eine lichte Ewigkeit…

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Foto: ©Constanze

Sonnenwende

Im Juni, wenn die Tage am längsten,
Wenn sie vollkommen, wolkenlos sind,
Wird meiner Seele immer am bängsten
Wie einem stillen, schüchternen Kind.

Der Sonne, wenn sie weit im Nordwesten
Wie eine lichte Ewigkeit steht,
Möchte ich nach, sie greifen am besten,
Damit sie bleibt und nicht untergeht.

Ein Abend scheint nicht wirklich zu enden,
Die grünen Felder reifen heran,
Nur süße Kirschen halt ich in Händen,
Die Welt, sie ist nie offener dann.

Die Schönheit schwindet, rot ihre Tränen
Als welke Rose, blühender Mohn,
Ich mag mich frei und glücklich jetzt wähnen,
Den nahen Herbst, ich fühle ihn schon.

©Wolfregen

Mit dem Gesicht zur Wand!

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Foto: Český Krumlov (Krumau an der Moldau) in Südböhmen / Tschechien; seit 1992 UNESCO-Weltkulturerbe; ©Constanze

~ Stadtgesicht (II): Krumau heute ~

Sie scheint wie unberührt im Strom der Zeit,
umflossen ganz vom Wellengang des Lebens,
doch wenn du hinsiehst, trägt sie nur ihr Kleid
aus Jugendtagen, seelenlos
und maskenhaft ihr alterndes Gesicht
unterm Behang von Kitsch und nicht vergebens
das Mühn, Bewundrer anzulocken
mit etwas Putz und falschen Klunkern.
So gibt sie sich mit kaltem Schoß
wie eine Dirne, offenherzig, groß,
allzeit bereit, sie anzuflunkern
mit dem geschmacklosen Gericht
von Billigfraß und Sirupschicht.
Man dankt es ihr und legt sie trocken
wie ein Vampir, der aussaugt nimmersatt
den letzten Tropfen Blut aus Adern,
bis sie dahinsiecht eines Tags ganz matt.
Wer möcht mit solchem Schicksal hadern,
wenn sie sich wegwirft ohne Würde,
nachlässig trägt die Daseinsbürde
und statt des Fingers gibt die hohle Hand –
mit dem Gesicht steht sie am End zur Wand!

©Constanze

Stadtgesicht (I): Abendstimmung in Bernkastel-Kues, siehe hier:
https://wolfregensconstanze.wordpress.com/2014/08/08/schatten-und-licht/

Hier liegt er selbst begraben…

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Fritz von Wille: Kapelle im Mondschein (1912)

Auf Irrwegen

Der Totengräber Johann Feist,
Hier liegt er selbst begraben,
Im Irrenhause früh vergreist,
Starb er beim Überschnappen.

Den Spaten stach er zwanzig Jahr
In stumme Friedhofserde,
Bis ihm der Wahnwitz stieg ins Haar,
Dass er schon reich bald werde.

Die letzte Gräfin Gallenstein
War kinderlos gestorben,
In ihrer Gruft soll Schmuck noch sein,
Den niemand mehr erworben.

Ein Bild hängt noch im leeren Schloss,
Darauf ist sie zu sehen:
Ach, hätte er‘s gesehen bloß,
Nicht tät sich unterstehen…

So aber schlich er in der Nacht
Mit einem schweren Eisen
An ihre Grabtür unbedacht,
Wo Fledermäuse kreisen.

Die große Spinne sah er nicht,
Auch nicht die Eule fliegen,
Verschob der Platte Steingewicht
Und sah die Gräfin liegen.

Zwangsjacke, Knebel, Irrenhaus,
Er war nur noch am Brüllen:
Die krude Schatzsuche ist aus
Und seine Gier im Stillen.

In jedem Spiegel sah er sie,
Im Lichtschein jeder Kerze –
Die Totenruhe störe nie,
Sonst fasst dich solche Schwärze!

©Wolfregen

Gesang wird niemals für dich enden…

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Foto: ©Constanze

~ Alles leuchtet, alles klingt! ~

Vergissmeinnicht in Waldesgrün,
Erinnerung soll ewig blühn
an jene tiefen, stillen Stunden,
in denen du dein Glück gefunden.

Ein zarter Zweig zum Licht erhoben
und jedes neue Blatt geküsst
vom Sonnenstrahl, der es durchmisst,
– du singst mit Frühlingsflor umwoben.

Und in der milden Sommernacht
wird dir ein Funkenlied entfacht
von Sternlaternchen tausendschön,
die schimmernd aus der Krone sehn.

Sie leuchten auch in Herbstes Zeiten,
um dir das bange Herz zu weiten,
in fahlen Ästen mag es schwingen
und dann bei Nebelmond verklingen…

So wie der Winter dich umweht,
wenn Schneewind durch die Wipfel geht,
und dennoch möcht die Seele lauschen,
weil sie wie Engelsflügel rauschen.

Gesang wird niemals für dich enden,
wenn du’s empfängst und weitergibst,
das Schöne und das Leben liebst,
– es wird sich alles groß verschwenden!

©Constanze

Auf dem roten Teppich

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Foto: ©Nicolás Pérez, Quelle: commons.wikimedia.org

Marionettentheater

Eine Eitelkeit gibt’s, die mein Stolz nicht kennt:
Den Leuten bekannt sein, sprich: prominent;
Die Bühne, auf die man geschmeichelt tritt,
Verlässt man nimmer, mit keinem Schritt.

In der Öffentlichkeit mit Gedanken stehn,
Heißt bald schon: sich ganz mit der Menge drehn;
Wer Rollen verweigert, beim Text versagt,
Wird ausgepfiffen und angeklagt.

Unsinn! Wär nicht Verehrung ein Opfer wert? –
Ich bitte: es ist doch grad umgekehrt!
Die Liebe des Publikums ist nur klein,
Sich selbst bewundert‘s, der Rest ist Schein.

©Wolfregen

Zur besten Kaffeezeit

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Foto: ©Jan Dudik, Quelle: commons.wikimedia.org

Der Kuchentöter

Er hatte eine böse Frau,
Die gab ihm kaum zu essen,
Wie abgemagert doch und grau
Hat er am Tisch gesessen.

Er war hier gern und oft zu Gast,
Es gab hier immer Kuchen:
Den aß er auf mit großer Hast
Bei hungrigen Besuchen.

Und sah ihn an das böse Weib
Mit dunklen Augenringen,
So war sein ausgezehrter Leib
Schon gierig am Verschlingen.

Kaum saß er da, schon schlug er zu,
Grub zitternd seine Gabel
Ins erste Kuchenstück, das du
Ihm setztest vor den Schnabel.

So ging es weiter, Stück für Stück
Ereilt sie das Verderben:
Er bricht den Torten das Genick,
Die Teile müssen sterben.

Den letzten Krümel kratzt er weg,
Als wär ihm darum bange,
Er haut und sticht nach jedem Eck,
Als wär’s der Rest für lange.

Drei halbe Torten ungefähr
Sind gut und gern gelungen,
Wenn nicht begrenzt sein Magen wär,
Hätt er noch mehr verschlungen.

©Wolfregen

Lang war der Winter, kalt das Schweigen…

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Foto: ©Constanze

~ Frühlingslied flieg! ~

Rotkehlchen singt dir seine Weisen
von Abschied und von Neubeginn,
beflügeln möcht es, höre hin
und lausche jedem hellen Ton,
der freudig zu dir springt und spricht,
bald ist es Mai, du weißt es schon,
von Ast zu Ast hüpft Frühling licht
und nimmt dich mit auf Sanges Reisen…

Lang war der Winter, kalt das Schweigen
und müde hing das blasse Blatt,
dann flogs zu Boden welk und matt;
doch nun wächst Grünes im Geäst
und ’s flattert um des Vogels Nest
– fühl unvergleichlich dieses Lied,
das ewig auch für dich erblüht
herzinnig schön im Lebensreigen!

©Constanze

In freier Trägerschaft

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Wilhelm Busch: Lehrer Lämpel (1865)

Montagmorgen in Flausenhausen

Es fährt die erste Straßenbahn,
Auf freier Strecke hält sie an:
Der Fahrer, nicht von abzubringen,
Möcht hören, wie die Vöglein singen.
Der Bäcker blieb im Bette liegen,
Auch Brötchen wird man heut nicht kriegen,
Er lauschte, was der Nachtmahr sprach,
Nun schläft er noch, ihm war danach.

Der Lehrer lässt im Unterricht
Die Schüler schreiben, wie sie wollen,
Und schöpft gleich selber aus dem Vollen,
Was vorzuschreiben, liegt ihm nicht.
Er geht hinunter in den Hof
Und lässt die Schüler oben walten,
So lernt man, selber zu gestalten,
Die Sonne scheint, sie sind nicht doof.

Nicht lange und die Schule brennt,
Die Feuerwehr kommt angerennt,
Doch einer hat den Schlauch zerschnitten,
Die Freude hat ihn halt geritten.
Der Richter lacht und zählt die Scheiben:
Ihr seht, das lässt man besser bleiben,
Am Schlauche liegt die Sauerei –
Und spricht die Kreativen frei.

Authentisch auch die Eltern sind,
Sie wollen zwar von Schuld nichts wissen,
Doch ihre Schule auch nicht missen
Und gründen einen Fonds geschwind.
Bei so viel Schülerpotential,
Da wird man Investoren finden
Und neue Träger an ihn binden,
Ein Förderpreis winkt allemal.

Der Bürgermeister hilft gern aus,
Das Schulamt hält sich lieber raus,
Es spricht sich rum, muss intressieren,
Wie stark sich alle engagieren.
Ein Motto war es, das noch fehlte,
Nach einem Stuhlkreis, der sehr quälte,
Hat man gefunden, was man braucht:
Erlebe Schule, die nicht schlaucht…

©Wolfregen

Auferstehung

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Foto: ©Constanze

~ Magnolia ~

Durchsichtig schimmert blassrosé die Haut
an unverbrauchtem Blattwerk, aufgerichtet
mit Blick zum weiten Himmel, der hier blaut,
und süßem Duft, der webt und Wärme stiftet
in Herz und Seele – lichter Blütenglanz! –
ein feiner Windhauch leise klingt und wiegt
in Kelchen königlich an Frühlingstagen
und güldner Sonnentanz,
der lächelnd in der Krone Schönheit liegt
– Aurora singt ihr Lied ganz ohne Klagen…

Sie möchte blühn fernab von dumpfen Qualen,
durchbrach die dichten knorrigen Geäste,
ging auf, befreite sich von grauen Schalen,
um abzustreifen letzte raue Reste
wie einst der Herr, der durch die Dornen brach
und alles von sich gab mit fahlem Haupt,
um aufzustehn von engen Marterbanden,
elender Erdenschmach,
im lilienreinen Kleid, ganz unbelaubt,
mit Engelsflügeln, die dem Tod entschwanden…

©Constanze

„Ich sah ein fahles Pferd, drauf saß der Tod und die Hölle folgte ihm nach…“ (Offb 6,8)

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Biblische Plage

Es naht ein ungeheures Heer an Ratten
Und ihre Zahl ist unvorstellbar groß,
Schon ganze Länder drückt ihr dunkler Schatten,
Denn unaufhaltsam rücken sie drauf los;
Sie mehren sich, indem sie rings sich gatten,
Der Wandernachbar sucht nicht lang den Schoß.

Von Sonnenaufgang bis zum Abendschimmer
Vorüberströmen sie, doch nicht vorbei,
Sie drängen sich in jedes Haus und Zimmer
Und fressen alles auf und wär’s aus Blei;
Man kann nicht sagen, es wird täglich schlimmer,
Es ist zu Ende, wo ihr Haupt auch sei.

Nichts hält sie auf, kein Graben, keine Mauer,
Sie türmen sich und klettern drüber weg,
Kein Hindernis ist da von langer Dauer
Und Widerstand erreicht nicht seinen Zweck…
Prophet, mich fasst ein heilig ernster Schauer,
Dein Bild ist furchtbar und den Tod ich schmeck!

Sie können hungern, frieren, lange darben,
Sich selber fressen sie, wenn’s nichts mehr gibt,
Und neue Ratten werden, wenn sie starben,
So viele, wie es ihnen nur beliebt;
Der Himmel dämmert schon in düstren Farben,
Der Mond ist’s, der sich vor die Sonne schiebt.

©Wolfregen