Lilienweiß und Rosenrot

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Szenenbild aus dem Film „Picknick am Valentinstag“ (Regie: Peter Weir, 1975), Quelle: filmstarts.de

~ Stille Erwartung ~

Gleich lichten Engeln gehen sie durchs Haus
in weiß verwehenden Gewändern,
Figuren, träumend an Geländern
von steilen Treppen, die ins Freie führn,
wie leblos, alabasterbleich,
doch schön, in ihrer Anmut reich
und flüsternd, wenn ein Windspiel sie berührn
im leis umschlichnen Herz des Tempelbaus.

Und nah der Villa Wiesen, Feengarten,
verwunschen und verwachsen Tag um Tag,
Dornröschenhecke sprießt am müden Hag,
wie weichgezeichnet grünen alle Bäume,
blühn sacht durch Schleier nebelblasser Räume
und leicht vom Vogelflug erschüttert,
stehn Lilien rosenrot umwittert,
erfüllt von einem großen stillen Warten…

©Constanze

Inspiriert von den Filmen „Die Verführten“ (Originaltitel: The Beguiled, Regie: Sofia Coppola, 2017): https://www.welt.de/kultur/kino/article166079196/Das-sexuelle-Begehren-das-toetet.html  und „Picknick am Valentinstag“ (Originaltitel: Picnic at Hanging Rock, Regie: Peter Weir, 1975): https://www.film-rezensionen.de/2011/03/picknick-am-valentinstag/

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„Die Welt ist vollkommen überall…“ (Schiller)

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Franz Hinterholzer: Schloss und See Leopoldskron (1902)

Der Märchensee

Die Älteren nannten ihn Märchensee,
Erzählten sich Sagen von einer Fee,
Die unter den Seerosen schliefe;
Er liegt zwischen Felsen im Wald versteckt,
Die Malerei hat ihn erst spät entdeckt,
Beseelt von romantischer Tiefe.

Schlich jemand zu ihm in der Sommernacht,
Dann hat er sein Schatzkästchen aufgemacht
Und zeigte sein dunkles Geschmeide;
Auch schien es, als täte schon bald darauf
Im Mondlicht die Fee ihre Augen auf
Und hüllte sein Wasser in Seide.

Ein Zauber, der jeden Betrachter bannt,
Der Märchensee war noch recht unbekannt,
Es gab auch noch keine Touristen;
Das hat sich verändert dann mit der Zeit,
Verunstaltet bis zur Unkenntlichkeit,
So muss er sein Dasein nun fristen…

Am Parkplatz schon, wo sich die Menge staut,
Stehn Kioske sperrig, ist’s höllisch laut,
Ein dämliches Feixen und Lachen;
Dann drängt sich’s zum Eingang, noch schnell ein Bild,
Ein Selfie schräg unter dem Werbeschild,
Drauf Hexen und Ritter und Drachen.

XL-Kinder schlecken das dritte Eis,
Es tropft auf die Hände, ist stickig heiß,
Da nützen auch cool nicht die Kappen;
Der Audioguide mit dem Aftertext
Erklärt in zehn Sprachen, what‘s coming next,
Nicht wenige, die damit tappen.

Der See eine Brühe, drauf Abfall schwimmt,
Ein Spaßboot die Family mit dann nimmt,
Dazu singen lächerlich Frösche;
Am Abend der Park seine Pforten schließt,
Der Strom sich zufrieden nach Hause gießt
In klebriger, stinkiger Wäsche.

©Wolfregen

Ein Gedicht von Rosen

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Foto: ©Constanze

~ Abschied vom Rosenmonat ~

Noch einmal blüht, blüht füllig dieser Tage,
Verwandlung grünt in allem ohne Frage,
was einst gepflanzt ich hab mit Lust und Licht,
wuchs lieblich mir im Garten zum Gedicht.

Verdichtet Rosenblätter bis zum Kern,
leis säuseln seidne Lider wie von fern,
in ihnen klingt ein Flüstern vom Vergehen
in welken Lüften, die hier bald schon wehen.

Verwehen nicht, bewahren möcht ich, hegen
zärtlichstes Blattwerk, Ton in Rot, Rosé,
und werd umflort es mir ins Jahrbuch legen
mit einem Hauch Erinnerung an Klee.

Glücksklee sprießt uns, wenn wir nur liebend weben
mit feiner Linie Knospen in das Sein,
Gesang und Blütenduft will ich dir weihn
durch Herbst und Winter hin zu neuem Leben…

©Constanze

Wie eine lichte Ewigkeit…

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Foto: ©Constanze

Sonnenwende

Im Juni, wenn die Tage am längsten,
Wenn sie vollkommen, wolkenlos sind,
Wird meiner Seele immer am bängsten
Wie einem stillen, schüchternen Kind.

Der Sonne, wenn sie weit im Nordwesten
Wie eine lichte Ewigkeit steht,
Möchte ich nach, sie greifen am besten,
Damit sie bleibt und nicht untergeht.

Ein Abend scheint nicht wirklich zu enden,
Die grünen Felder reifen heran,
Nur süße Kirschen halt ich in Händen,
Die Welt, sie ist nie offener dann.

Die Schönheit schwindet, rot ihre Tränen
Als welke Rose, blühender Mohn,
Ich mag mich frei und glücklich jetzt wähnen,
Den nahen Herbst, ich fühle ihn schon.

©Wolfregen

Mit dem Gesicht zur Wand!

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Foto: Český Krumlov (Krumau an der Moldau) in Südböhmen / Tschechien; seit 1992 UNESCO-Weltkulturerbe; ©Constanze

~ Stadtgesicht (II): Krumau heute ~

Sie scheint wie unberührt im Strom der Zeit,
umflossen ganz vom Wellengang des Lebens,
doch wenn du hinsiehst, trägt sie nur ihr Kleid
aus Jugendtagen, seelenlos
und maskenhaft ihr alterndes Gesicht
unterm Behang von Kitsch und nicht vergebens
das Mühn, Bewundrer anzulocken
mit etwas Putz und falschen Klunkern.
So gibt sie sich mit kaltem Schoß
wie eine Dirne, offenherzig, groß,
allzeit bereit, sie anzuflunkern
mit dem geschmacklosen Gericht
von Billigfraß und Sirupschicht.
Man dankt es ihr und legt sie trocken
wie ein Vampir, der aussaugt nimmersatt
den letzten Tropfen Blut aus Adern,
bis sie dahinsiecht eines Tags ganz matt.
Wer möcht mit solchem Schicksal hadern,
wenn sie sich wegwirft ohne Würde,
nachlässig trägt die Daseinsbürde
und statt des Fingers gibt die hohle Hand –
mit dem Gesicht steht sie am End zur Wand!

©Constanze

Stadtgesicht (I): Abendstimmung in Bernkastel-Kues, siehe hier:
https://wolfregensconstanze.wordpress.com/2014/08/08/schatten-und-licht/

Hier liegt er selbst begraben…

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Fritz von Wille: Kapelle im Mondschein (1912)

Auf Irrwegen

Der Totengräber Johann Feist,
Hier liegt er selbst begraben,
Im Irrenhause früh vergreist,
Starb er beim Überschnappen.

Den Spaten stach er zwanzig Jahr
In stumme Friedhofserde,
Bis ihm der Wahnwitz stieg ins Haar,
Dass er schon reich bald werde.

Die letzte Gräfin Gallenstein
War kinderlos gestorben,
In ihrer Gruft soll Schmuck noch sein,
Den niemand mehr erworben.

Ein Bild hängt noch im leeren Schloss,
Darauf ist sie zu sehen:
Ach, hätte er‘s gesehen bloß,
Nicht tät sich unterstehen…

So aber schlich er in der Nacht
Mit einem schweren Eisen
An ihre Grabtür unbedacht,
Wo Fledermäuse kreisen.

Die große Spinne sah er nicht,
Auch nicht die Eule fliegen,
Verschob der Platte Steingewicht
Und sah die Gräfin liegen.

Zwangsjacke, Knebel, Irrenhaus,
Er war nur noch am Brüllen:
Die krude Schatzsuche ist aus
Und seine Gier im Stillen.

In jedem Spiegel sah er sie,
Im Lichtschein jeder Kerze –
Die Totenruhe störe nie,
Sonst fasst dich solche Schwärze!

©Wolfregen

Gesang wird niemals für dich enden…

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Foto: ©Constanze

~ Alles leuchtet, alles klingt! ~

Vergissmeinnicht in Waldesgrün,
Erinnerung soll ewig blühn
an jene tiefen, stillen Stunden,
in denen du dein Glück gefunden.

Ein zarter Zweig zum Licht erhoben
und jedes neue Blatt geküsst
vom Sonnenstrahl, der es durchmisst,
– du singst mit Frühlingsflor umwoben.

Und in der milden Sommernacht
wird dir ein Funkenlied entfacht
von Sternlaternchen tausendschön,
die schimmernd aus der Krone sehn.

Sie leuchten auch in Herbstes Zeiten,
um dir das bange Herz zu weiten,
in fahlen Ästen mag es schwingen
und dann bei Nebelmond verklingen…

So wie der Winter dich umweht,
wenn Schneewind durch die Wipfel geht,
und dennoch möcht die Seele lauschen,
weil sie wie Engelsflügel rauschen.

Gesang wird niemals für dich enden,
wenn du’s empfängst und weitergibst,
das Schöne und das Leben liebst,
– es wird sich alles groß verschwenden!

©Constanze

Auf dem roten Teppich

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Foto: ©Nicolás Pérez, Quelle: commons.wikimedia.org

Marionettentheater

Eine Eitelkeit gibt’s, die mein Stolz nicht kennt:
Den Leuten bekannt sein, sprich: prominent;
Die Bühne, auf die man geschmeichelt tritt,
Verlässt man nimmer, mit keinem Schritt.

In der Öffentlichkeit mit Gedanken stehn,
Heißt bald schon: sich ganz mit der Menge drehn;
Wer Rollen verweigert, beim Text versagt,
Wird ausgepfiffen und angeklagt.

Unsinn! Wär nicht Verehrung ein Opfer wert? –
Ich bitte: es ist doch grad umgekehrt!
Die Liebe des Publikums ist nur klein,
Sich selbst bewundert‘s, der Rest ist Schein.

©Wolfregen

Zur besten Kaffeezeit

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Foto: ©Jan Dudik, Quelle: commons.wikimedia.org

Der Kuchentöter

Er hatte eine böse Frau,
Die gab ihm kaum zu essen,
Wie abgemagert doch und grau
Hat er am Tisch gesessen.

Er war hier gern und oft zu Gast,
Es gab hier immer Kuchen:
Den aß er auf mit großer Hast
Bei hungrigen Besuchen.

Und sah ihn an das böse Weib
Mit dunklen Augenringen,
So war sein ausgezehrter Leib
Schon gierig am Verschlingen.

Kaum saß er da, schon schlug er zu,
Grub zitternd seine Gabel
Ins erste Kuchenstück, das du
Ihm setztest vor den Schnabel.

So ging es weiter, Stück für Stück
Ereilt sie das Verderben:
Er bricht den Torten das Genick,
Die Teile müssen sterben.

Den letzten Krümel kratzt er weg,
Als wär ihm darum bange,
Er haut und sticht nach jedem Eck,
Als wär’s der Rest für lange.

Drei halbe Torten ungefähr
Sind gut und gern gelungen,
Wenn nicht begrenzt sein Magen wär,
Hätt er noch mehr verschlungen.

©Wolfregen

Lang war der Winter, kalt das Schweigen…

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Foto: ©Constanze

~ Frühlingslied flieg! ~

Rotkehlchen singt dir seine Weisen
von Abschied und von Neubeginn,
beflügeln möcht es, höre hin
und lausche jedem hellen Ton,
der freudig zu dir springt und spricht,
bald ist es Mai, du weißt es schon,
von Ast zu Ast hüpft Frühling licht
und nimmt dich mit auf Sanges Reisen…

Lang war der Winter, kalt das Schweigen
und müde hing das blasse Blatt,
dann flogs zu Boden welk und matt;
doch nun wächst Grünes im Geäst
und ’s flattert um des Vogels Nest
– fühl unvergleichlich dieses Lied,
das ewig auch für dich erblüht
herzinnig schön im Lebensreigen!

©Constanze