Zimmerzeilen…

♦.♦.♦. eine Reihe erlesener Räume

– in fortlaufender Ergänzung ♦.♦.♦.

Zimmerzeilen..., Foto: Constanze

In deinem Zimmer

In deinem Zimmer fand ich meine Stätte,
In deinem Zimmer weiß ich, wer ich bin.
Ich liege tagelang in deinem Bette
Und schmiege meinen Körper an dich hin.

Ich fühle Tage wechseln und Kalender
Am Laken, das uns frisch bereitet liegt,
Ich staune manchmal still am Bettgeländer,
Wie himmlisch lachend man die Zeit besiegt.

Bisweilen steigt aus fernen Straßen unten
Ein Ton zu unserm Federwolkenraum,
Den schlingen wir verschlafen in die bunten
Gobelins, gewirkt aus Küssen, Liebe, Traum.

Ernst Wilhelm Lotz (1890-1914)

Insektenleben – Im Zimmer

Freier Vögel seh‘ ich schweben
Einen leichten, lichten Zug.
Himmel! hätt‘ ich solchen Flug!
Hätt‘ ich solch ein Wanderleben!

Doch gebannt an eine Stätte
Bin ich, ach! nur ein Insekt,
Mit der Nadel festgesteckt
In ein Fach im Kabinette.

Justinus Kerner (1786-1862)

Ein Vogel flog in meine dunklen Zimmer…

Ein Vogel flog in meine dunklen Zimmer.
Er irrte flatternd durch die Zimmerflucht
Und stieß sich irgendwo am Sims
Und fiel dann schwer herab.
Der blut‘ge Rumpf hüpfte am Boden noch.

Und hinter mir erhob das Dunkel sich
Und allerhand Gestalten formten sich,
Und schlichen leise auf mich zu.

Da sprang ich auf, gepeitscht.
Und rüttelte am Tor und riss es auf.
Ich sprang die krummen Treppen jäh
Blindlings im Graun und Abergraun hinab,
Hinaus ins Abendlicht; da wich
Die fürchterliche Angst von mir.

Georg Heym (1887-1912)

Helles Zimmer

Das Zimmer flimmert hell im Sonnenschein:
Und Gläser, Rahmen, Klinken, Lampen, Spangen,
Ein jedes hat sein Sönnlein eingefangen
Und prahlt mit seinem Licht ins Licht hinein.

Es ist, als könnte keines Alltags Hand
Den Schimmer dieser Dinge jemals stören,
Die doch, ganz irdisch, ihm allein gehören,
Als wären Nacht und Dunkel weit gebannt.

Doch alles Licht ist durch den Schein besiegt,
Der sich um einen weißen Korb versammelt,
Drin seine Daseinslust ein Säugling stammelt,
Und drauf der Morgenglanz der Zukunft liegt…

Hugo Salus (1866-1929)

Sonntag

Wie lieb‘ ich es, an Sonntagsnachmittagen
allein zu sitzen im vertrauten Zimmer;
durch’s Fenster bricht der Sonne heller Schimmer,
das Buch vergoldend, das ich aufgeschlagen.

Die Straßen leer; es rollen keine Wagen;
des Marktes Lärm verstummt, als wär’s auf immer,
und all des Sonntagsstaates bunter Flimmer,
er ward hinaus in Wald und Flur getragen.

Verlassen fühlt sich, wer zurückgeblieben,
und manches schöne Auge blickt verdrossen,
und manche Wünsche unerfüllt zerstieben.

Es ruht das Leben, wie in sich zerflossen;
doch still erfüllt sich auch geheimes Lieben,
und einsam wird des Geistes Glück genossen.

Ferdinand von Saar (1833-1906)

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4 Gedanken zu “Zimmerzeilen…”

  1. Hallo Constanze, hallo Wolfregen,

    Eure Zimmerzeilen-Kategorie finde ich eine klasse Idee und als ich überlegte, ob ich Zimmer-Gedichte kenne, fiel mir erst mal gar nichts ein, nach einer Weile aber ein Stübchenzeilen-Gedicht von Mörike (https://goo.gl/ujL4V6) – hab den Einfall gleich als Gelegenheit zu einem Post genutzt – und ein Zimmerzeilen-Gedicht von Werner Zemp (https://goo.gl/gEf2X5). Wenn ihr wollt, könnt ihr sie natürlich gern in eure Veröffentlichungsoptionen mit aufnehmen – bin natürlich nicht sauer, wenn das nicht geschieht (wobei Zemps Gedicht noch keine 70 Jahre alt ist; aber ich persönlich gehe das Risiko ein, wiewohl schon mal wegen eines Gedichtes gemahnt, weil ich es einfach schade finde, wenn ein Autor und seine Gedichte in der Schublade verschimmeln).

    Ihr könnt gerne diesen Kommentar unveröffentlicht lassen … war eher so ein Beitrag privater Natur, der unserer gemeinsamen Liebe zu Gedichten entspringt 🙂

    Salute und viel Muse,
    Johannes

    Gefällt 1 Person

    • Lieber Johannes, danke Dir vielmals für den Hinweis auf diese schönen Gedichte. Dabei hat mich jenes von Zemp ganz besonders angesprochen und berührt. In beiden ist zwar von einem Raum die Rede, aber es kommt leider das Wort „Zimmer“ weder in den Überschriften noch in den Texten selbst vor und dies war jedenfalls eine der Bedingungen, die ich mir bei der Umsetzung der Idee einstmals gesetzt hatte – die Bezeichnung „Zimmerzeilen“ weist bereits darauf hin. So werde ich sie hier also nicht einreihen, aber ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Du dieser Seite etwas mehr Beachtung geschenkt hast, denn sie wird nicht allzu oft aufgerufen und gewürdigt. Herzlichen Dank auch dafür und liebe Grüße an Dich von

      Constanze

      Gefällt 1 Person

      • Ach so, alles klar. Danke für die Antwort, liebe Constanze.

        Sicherlich wäre das Thema attraktiver, wenn es um die Korrespondenz von innerem und äußerem Raum ginge. Aber Euch geht es schlicht um „Zimmer“ – und das ist ungewöhnlich und in seiner Eigenwilligkeit gar nicht so schlicht, wenn man den Focus auf etwas lenkt, das erstmal ganz physisch gemeint ist; sonst hebt man womöglich zu früh ab 🙂

        Liebe Grüße,
        Johannes

        Gefällt mir

        • Die Korrespondenz von innerem und äußerem Raum ist bei dieser Reihe hier durchaus ebenfalls gegeben und eine weitere meiner Überlegungen zum Thema. Lediglich um den Fokus auf die Begrifflichkeit ging es mir hier also keineswegs.

          Nochmals Grüße
          Constanze

          Gefällt 1 Person

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