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Zwölf Uhr mittags

Amtsrat Igler kommt nach Haus,
So wie er’s immer tut:
Mit unbändiger Wut,
Sein Chef, man sollt ihm eine langen,
Ist wieder vor 12 Uhr gegangen!
Sein dicker Kopf, der ist ganz rot,
Die kleinen Augen voller Schrot
Und Frau und Kinder, Katz und Maus,
Die baden nun den Ärger aus,
Er kann kaum reden, kann kaum schnaufen,
Das Wochenende ist gelaufen.

Jeden Freitag ist das so,
Kein Chef mehr im Büro,
Er fühlt sich ausgenutzt –
Ein Glück, dass abends Western kommen,
Im Sessel hat er Platz genommen,
Denn wie James Stewart und John Wayne
Für Sauberkeit und Ordnung stehn,
Gehört der Schlendrian gestutzt,
Dafür er auch die Brille putzt,
Ihn darf, wenn’s losgeht, niemand stören,
Er will die Helden sehen, hören.

Cowboystiefel hat er schon,
Jetzt fehlt nur noch der Hut,
Ein Sheriffstern wär gut,
Dann könnt er die Banditen stellen
In bleigeschwängerten Duellen!
Im Bücherschrank, da steht Karl May,
Er sammelt ihn und denkt, er sei
Vielleicht sein Ur-Ur-Enkelsohn,
Sein Chef, der schmier‘ge Ölbaron,
Soll sich vor neuer Bosheit hüten,
Old Igler lässt sich das nicht bieten.

Freitags fährt der mit der Bahn
Und kommt um 12 Uhr an,
Wenn das kein Zeichen ist!
Wie Gary Cooper, übt’s im Garten,
Will er ihn breitbeinig erwarten
Zum großen Showdown hier im Ort,
Dodge City heißt das Losungswort,
Die Straßen sieht er, leer und trist,
Ein Lonely Fighter nichts vergisst:
Noch eine Woche Druck im Magen,
Dann will er ihm die Meinung sagen.

Urlaub hat er bis dahin,
Bereitet sich drauf vor,
Schläft mit dem Colt am Ohr.
Dann ist’s so weit, er geht entschlossen,
Im Geist hat er ihn längst erschossen,
Der Zug fährt ein, es ist High Noon,
Gestrüpp rollt staubig vorm Saloon,
Der Zug hält an, die Luft wird dünn –
Kein Chef steigt aus, der sitzt nicht drin!
Am Montag hört er: bis um sieben
Sei dieser noch im Haus geblieben…

©Wolfregen

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