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Johann Heinrich Füssli: Nachtmahr (um 1781)

Die Heimsuchung

Unten hört man Mutter nähen, abends, wenn es still im Haus,
Hört das Riemenrad sich drehen, sonst sind alle Lichter aus.
Die Spule surrt, die Nadel rauscht, Fäden schneidet sie und tauscht:
Nein, das Wippen kann nicht stören, wohl tut‘s, ihr so zuzuhören.

Warmer Fleiß erfüllt die Stube, strahlt hinauf bis unters Dach,
Dort liegt bleich wie ihre Puppe auch das Töchterlein noch wach.
Die Kammer ist nicht ausgebaut, hörbar ist der kleinste Laut,
Ob von drunten oder draußen, Schindeln knacken, Winde sausen…

„Hört sie auf?!“- Nein, sie näht weiter; jedes Mal ein böser Schreck,
Wird der schmale Streifen breiter, löscht sie‘s Licht und geht dann weg.
Ein Weilchen näht die Mutter noch, flickt zwei Socken, stopft ein Loch.
Hilflos fühlt es sich, verletzlich – jetzt ist’s dunkel worden plötzlich!

Alles still

Sitzt sie an der Nähmaschine weit bis in die späte Nacht,
Hat, das weiß nicht die Alwine, auch der Böse keine Macht.
Solang das Licht dort unten brennt, wagt er sich nicht an das Kind,
Doch sobald es ausgegangen, wird er nahen, nach ihm langen…

„Näh no bissle, sonst kommt’s wieder, was mich hier im Dunkeln quält!“,
„Ungern legt sich’s Kindle nieder, glaubst du, was es uns erzählt?“
Der Vater rätselt noch, schläft ein, Mutter bangt, ’s mög Ruhe sein,
Doch die hat man lang schon nimmer, etwas Drittes ist im Zimmer!

Still, kein Laut mehr, nur ein Pochen: ängstlich ist’s das eigne Herz.
All dies geht jetzt zwei, drei Wochen, wenn’s früh dunkel wird, dann plärrt’s.
Wer ist’s, der nach dem Kinde schielt, ihm den Schlaf, die Ruhe stiehlt?
„Welche Satan‘ lend’s net schlafa, wolla oder müssa’s strafa?!“

Es fängt wieder an

Jeds Mal gleich, beginnt’s mit Knarren, hinterm Wandschrank, unterm Bett,
An die Läden, Dielen, Sparren hängt sich’s dann, als säg ein Brett.
Ein hohles Scherren dann wie Mäus von der Stiege her, der Speis,
Bis sie ganz heran sich wagen und das Kindlein selber plagen.

Übers Dach weg ziehen Ketten und ein Flattern heiß im Raum,
Hin und her, und über Betten hin zum Herzen schleicht’s wie Flaum.
„Wilhelm, guck, wie’s no scho daliegt, ebber will, dass es verstickt!
Wenn mir zwoi des Kindle möga, müssa mir uns zu ’nem lega!“

Das geschieht, doch blass sind beide, er vor Zorn und sie vor Schreck,
Beizustehn dem Kind im Leide ist der ohnmächtige Zweck.
Noch kaum gewärtig, wo und wie, fährt’s dem Vater dumpf ans Knie,
Dass ein Fleck ihm bleibt, ein blauer: da erst überkommt ihn Schauer!

Die letzte Hoffnung

Einer kann den Geistern wehren, die dem Kinde Übles tun:
„Gang zum Kaulfuß ’naus, sie zehren es sonscht auf, die lend’s net ruhn!“-
„Nach Bempflingen?“- „Ja, Weib, dorthin, der, heißt’s, hat den sechsten Sinn,
Der steht über den Daimonen, sieht, wenn sie im Hause wohnen!“

„Einer Hebamm z’Weidach oba, der ma d’Kinder z’Tod hat g’wiegt,
Hat er leicht das Bett verschoba, so den bösa Geischt besiegt.
`Die Erscht, die dir verkommt, wenn’s tagt, ischt es, die die Kindlein plagt‘:
Angesprocha, musst se weicha – s‘wird dem unsrer Lotte gleicha!“

Unsereins mag manches lernen, in den Urgrund sehn wir nicht,
Was in dem Verborgnen, Fernen aufwächst, schaut kein Tageslicht.
Vom bösen Geist, von Ferngewalt hat man dürre Worte halt,
Nicht Vernunft kann hierfür taugen – Kaulfuß aber sieht’s mit Augen!

Alwine beim Kaulfuß

„Hat dei Mann im Dorf wo Schulda, liegt ein Fluch, ein Zwang auf ihm?“-
„Wa mir mitmacha und dulda, na, s’ischt also mehr wie schlimm!“-
„Willsch sehn? Dann schausch in Spiegel dort, wer die bös Frau isch im Ort.“-
„Lebtag will i sell net schaua, s‘tät mi wie vorm Teufel graua!“

Eingefurcht die Denkerstirne, sieht er jetzt noch finstrer aus,
Folgt dem schmalen Geisteszwirne bis in das verhexte Haus.
Hier steht’s: gleich fangen Felder an, Kaulfuß ist ein Bauersmann,
Kann nicht zaubern, ’s nur besprechen, doch den Fluch, den will er brechen.

„Nimm den Spruch mit aus der Bibel, näh‘n ins Kopfkissen mit ei,
Unser Heiland schirmt das Übel, nächscht Nacht wird scho ruhiger sei.“-
„Wa bin i schuldig?“- „Nichts, Weib, nichts, er befiehlt mir, i verricht’s:
Er ist Quelle allen Segens, wir empfangen‘s nur und pflegen’s.“

Wieder in Bonlanden

„Was?! Im Spiegel konnt mer‘s seha?!“- „Noi, mir wurd so eng, so klamm.
Sag, hosch du wo Schulda steha?“- „Ja, im Unterdorf, im Lamm…
Die kecht’s erscht sei, die Hex, die alt; mit der Axt na, woiß i’s bald…!“
W(..) Wilhelm sagt’s entschlossen (einen hat er schon erschossen).

Noch brennt Licht in ihrer Schenke, zwei, drei sitzen mit am Tisch,
Fährt die Tür auf: und die Bänke wackeln jetzt schon, dann wird‘s frisch.
„So, Lammwirtin, du siehscht, i komm, und du weißscht ja au, warom –
Da, nemm’s Geld, und eines sag’e: Lass mei Kind in Ruh, sonscht schla’de!“

„Böse‘ Leut muss man’s entdecka“, Kaulfuß‘ Wahrspruch hat gewirkt.
„Die alt Schindmähr soll verrecka“, beinah hätt er sie erwürgt.
Wie herb auch Rosskurs Warnung sei, seither ist der Spuk vorbei,
Niemand tappt mehr auf der Bühne, steht im Dunkeln, fordert Sühne.

©Wolfregen

PS: Diese „dunkle Stimme“ führt zurück ins letzte Jahrhundert, ins Schwäbische Ende der 20er Jahre, alles hat sich so zugetragen; da man schon damals alles konnte außer Hochdeutsch, nun einige Übersetzungshilfen für unsere norddeutschen Freunde:
„no bissle“=noch ein wenig, „plärrt’s“=weint es, „lend’s net schlafa“=lassen es nicht schlafen, „wie’s no scho“= wie es nun schon, „ebber“=jemand, „verstickt“=erstickt, „mir zwoi“=wir zwei, „zu ’nem“=zu ihm, „gang“=geh, „sonscht“=sonst, „Daimonen“=Dämonen, „z’Weidach oba“=oben in Weidach, „ma“=man, „z’Tod hat g’wiegt“=zu Tode gewiegt, „Geischt“=Geist, „die Erscht, die dir verkommt“=die Erste, die dir begegnet, „wa mir mitmacha“=was wir erleben müssen, „na, s’ischt also mehr wie schlimm“=das ist wirklich mehr als schlimm, „lebtag will i sell net“=das möchte ich niemals im Leben, „s’tät mi“=das würde mich, „näh’n…mit ei“=nähe ihn…mit ein, „nächscht Nacht“=die nächste Nacht, „i verricht’s“=ich führe es aus, „konnt mer’s seha“=konnte man es sehen, „noi=nein, „hosch du“=hast du, „die kecht’s erscht sei“=die könnte es sogar sein, „mit der Axt na, woiß i’s bald“=mit einer Axt hinunter (zu ihr), werde ich es herausbekommen, „weißscht ja au, warom“= wirst du auch wissen, weshalb, „nemm’s Geld“=nimmt das Geld, „sag’e“=sage ich, „sonscht schla’de“=andernfalls schlage (ich) dich, „böse‘ Leut“=bösen Menschen, „Schindmähr“=Schindmähre (Schimpfwort für eine bösartige alte Frau)

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