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Franz Hinterholzer: Schloss und See Leopoldskron (1902)

Der Märchensee

Die Älteren nannten ihn Märchensee,
Erzählten sich Sagen von einer Fee,
Die unter den Seerosen schliefe;
Er liegt zwischen Felsen im Wald versteckt,
Die Malerei hat ihn erst spät entdeckt,
Beseelt von romantischer Tiefe.

Schlich jemand zu ihm in der Sommernacht,
Dann hat er sein Schatzkästchen aufgemacht
Und zeigte sein dunkles Geschmeide;
Auch schien es, als täte schon bald darauf
Im Mondlicht die Fee ihre Augen auf
Und hüllte sein Wasser in Seide.

Ein Zauber, der jeden Betrachter bannt,
Der Märchensee war noch recht unbekannt,
Es gab auch noch keine Touristen;
Das hat sich verändert dann mit der Zeit,
Verunstaltet bis zur Unkenntlichkeit,
So muss er sein Dasein nun fristen…

Am Parkplatz schon, wo sich die Menge staut,
Stehn Kioske sperrig, ist’s höllisch laut,
Ein dämliches Feixen und Lachen;
Dann drängt sich’s zum Eingang, noch schnell ein Bild,
Ein Selfie schräg unter dem Werbeschild,
Drauf Hexen und Ritter und Drachen.

XL-Kinder schlecken das dritte Eis,
Es tropft auf die Hände, ist stickig heiß,
Da nützen auch cool nicht die Kappen;
Der Audioguide mit dem Aftertext
Erklärt in zehn Sprachen, what‘s coming next,
Nicht wenige, die damit tappen.

Der See eine Brühe, drauf Abfall schwimmt,
Ein Spaßboot die Family mit dann nimmt,
Dazu singen lächerlich Frösche;
Am Abend der Park seine Pforten schließt,
Der Strom sich zufrieden nach Hause gießt
In klebriger, stinkiger Wäsche.

©Wolfregen

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