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Fritz von Wille: Kapelle im Mondschein (1912)

Auf Irrwegen

Der Totengräber Johann Feist,
Hier liegt er selbst begraben,
Im Irrenhause früh vergreist,
Starb er beim Überschnappen.

Den Spaten stach er zwanzig Jahr
In stumme Friedhofserde,
Bis ihm der Wahnwitz stieg ins Haar,
Dass er schon reich bald werde.

Die letzte Gräfin Gallenstein
War kinderlos gestorben,
In ihrer Gruft soll Schmuck noch sein,
Den niemand mehr erworben.

Ein Bild hängt noch im leeren Schloss,
Darauf ist sie zu sehen:
Ach, hätte er‘s gesehen bloß,
Nicht tät sich unterstehen…

So aber schlich er in der Nacht
Mit einem schweren Eisen
An ihre Grabtür unbedacht,
Wo Fledermäuse kreisen.

Die große Spinne sah er nicht,
Auch nicht die Eule fliegen,
Verschob der Platte Steingewicht
Und sah die Gräfin liegen.

Zwangsjacke, Knebel, Irrenhaus,
Er war nur noch am Brüllen:
Die krude Schatzsuche ist aus
Und seine Gier im Stillen.

In jedem Spiegel sah er sie,
Im Lichtschein jeder Kerze –
Die Totenruhe störe nie,
Sonst fasst dich solche Schwärze!

©Wolfregen

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