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Foto: stmichael: Michaelergruft

Foto: ©stmichael, Quelle: michaelerkirche.at

Memento mori

Wer dem Morbiden sehr zugeneigt,
Der geht am besten nach Wien und steigt
Hinab in die Michaelergruft;
Man atmet zwar nicht die beste Luft,
Doch konnt sie der Nachwelt bewahren
Den Charme von bald fünfhundert Jahren.

Ein dumpfer, schaurig bewohnter Ort,
Manch einer möchte gleich wieder fort;
Wen aber, dem Tod recht nah zu sein,
Kein Schädel erschreckt und kein Gebein,
Der schaue, steht’s Haar auch zu Berge,
Hinein in die offenen Särge.

Da liegen Mumifizierte drin,
Die starren augenlos vor sich hin;
Sie haben barocke Kleider an,
Sind halb nur verwest, war‘n Frau und Mann
Und tragen verschrumpft noch Perücken;
Die offenen Mäuler entzücken.

Wie kryptisch, stünden jetzt alle auf
Und gingen so in die Kirch hinauf
Und sängen aus Mozarts Requiem
Sein „Voca me“, mihi quoque spem…
Die Leute rotierten im Kreise
Auf jede psychiatrische Weise.

Nein, besser alles bleibt, wie es ist:
Die Toten ruhen in ihrer Kist,
Sie gruseln hier unten mit Jabot,
Die Kirchgänger oben bleiben froh,
Ein jeder geht schlauer nach Hause
Und auch, der uns führte, macht Pause.

©Wolfregen

PS: Die lateinischen Worte „voca me“ und „mihi quoque spem (dedisti)“ sind aus dem Confutatis und dem Recordare entnommen und bedeuten: „rufe mich“ und „mir auch Hoffnung (hast gegeben)“.

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