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Foto: Unbekannt, Junger Priester (1860), Quelle: commons.wikimedia.org

Foto: Unbekannt, junger Priester (1860), Quelle: commons.wikimedia.org

Messe unter freiem Himmel
oder: Der junge Pfarr

(1) Introitus

Im Walde ging ein junger Pfarr,
Den Kopf gefüllt mit frommen Werken,
Als er an einer Lichtung starr
Ganz Grauenhaftes tat bemerken.
Ihm klopft das Herz: verloren stand,
Die Hände feucht und irrer Blicke,
Ein Mensch, dem hier von roher Hand
Ein Seil gewunden wird zum Stricke!

Sprach nicht der Herr einst mild und weich,
Als treuer Hirt will ich mein Leben,
Denn keine Liebe ist dem gleich,
Für den Geringsten willig geben?
Es mag wohl dieser arme Tropf,
Den Bösewichte hart umdringen,
Mein Freund jetzt sein und meinen Kopf
Will ich als Lösepfand ihm bringen.

(2) Kyrie

So dachte er bei sich und trat
Mit andachtsvoll gemessnem Schritte,
Erleuchtet von so hoher Tat,
In dieses finstren Zirkels Mitte.
„Erbarmt euch seiner, lasset ab
Von eurem hässlichen Verlangen,
Schal ist die Welt, doch süß das Grab,
Ihn lasset gehn, mich nehmt gefangen.“

Man sah sich arg verwundert an,
Endlich begann der Ernst zu sprechen:
„Zieh deiner Wege, Gottesmann,
Dir wollen wir den Hals nicht brechen!“
Der Ärmste aber, zitternd ganz,
Sank vor ihm auf die weichen Knie,
Ergriff schnell dessen Rosenkranz,
Küsst’s Kruzifix, rief: „Vater, siehe!“

(3) Gloria und Credo

„Euch ist die Seligkeit gewiss,
Ich fürcht‘s Gericht bei meinen Sünden,
Am Leben nur, ihr wisset dies,
Kann ich Vergebung hoffen, finden.
Bußfertig, reuig will ich sein,
Mich fortan brav und fromm erweisen,
Euch schließ ich ins Gebet mit ein,
Als Heiligen werd ich euch preisen!“

Da dies der junge Pfarr gehört,
Rührt ihn das warme Wort zu Tränen:
„Der Himmel sei dir nicht verwehrt,
Verstehe allzu gut dein Sehnen.“
Der dumpfe Starrsinn löst sich auf,
Man akzeptiert den kruden Handel,
Man nähme auch den Pfarr in Kauf
Um Diebes bessren Lebenswandel.

(4) Offertorium

Der zerrt ihn abermals am Saum,
Drängt, klagt und fleht ihm ins Gewissen,
Wies mit Entsetzen auf den Baum,
Von Angst getrieben, notbeflissen.
So sprach er denn: „Gott, Herrlichkeit,
Ich will für ihn den Tod erdulden,
Wenn ihr zum Mord entschlossen seid,
Bezahle ich ihm gern die Schulden…“

Die Predigt war noch halb in Gang,
Da zogen sie mit einem Streiche
Den Geistlichen am herben Strang
Hinauf in seine Himmelreiche.
Sie standen fühllos, weiß nicht wie,
Und lobten ihre strengen Sitten,
Den Gauner aber jagten sie
Hinfort mit festen Stiefeltritten.

(5) Sanctus und Benedictus

Kaum warn verflogen Furcht und Schreck,
Die wüsten Henker heimgeschlendert,
Kam der Vertriebene zurück
Und setzte sich und schien verändert.
Ein feiger Diebeskamerad,
Der hinterm Strauch all das gesehen,
Trat heuchlerisch hinzu und bat,
Er mög ihm schildern, was geschehen.

Der knapp Entronnene, er nickt,
Indem er aufsieht zu dem Toten:
„Wir sind gewarnt, nicht immer schickt
Der blinde Zufall so Idioten.“
Die beiden Schurken lachten lang
Und lachend sind sie dann gegangen,
Den bleichen Freund am starren Strang
Doch ließen sie am Aste hangen.

©Wolfregen

PS: Der junge Mann auf dem Bild oben, dem der Glaubenseifer geradezu aus den Augen brennt, ist mit dem jungen Pfarr im Gedicht nicht identisch.

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