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Lucílio de Albuquerque: Despertar de Ícaro (1910)

Lucílio de Albuquerque: Despertar de Ícaro (1910)

No risk, no fun

Herr Ikarus N. Sonnenstich
Wollt mehr sein und „erfand sich neu“,
Das fiel zwar keinem wirklich auf,
Doch fühlte er sich endlich frei;
Das alte Leben ließ er liegen
Und wollte bis zur Sonne fliegen.

Gelesen hatte er es oft,
Doch war‘s bis dato ihm nicht klar,
Denk „positiv“, „no risk, no fun“,
Nun fiel‘s wie Schuppen ihm vom Haar:
Die Scheren des Erfolgs, die Schranken,
Sind kleine, warnende Gedanken!

Als erstes ging er zur Boutique
Und kleidete sich teuer ein,
Dann nahm er einen Bankkredit
Und unterschrieb mit „Sonnenschein“;
Doch erst, als er den Job gekündigt,
Empfand er sich nicht mehr entmündigt.

Er war jetzt „Unternehmer“ selbst
Und trennte sich von seiner Frau,
Die weinte zwar, verstand es nicht,
Er aber strich es fort wie Tau;
Denn nicht umsonst hat er gelesen:
Vertrautes lassen und genesen…

Es fing auch alles trefflich an,
Die Bücher, die er gratis las,
Verkaufte er zum Vorzugspreis –
Wobei er freilich eins vergaß:
Abnahmepflicht, noch keine Kunden
Und er vertraglich fest gebunden.

Nicht selten kam es schließlich vor
Nach einem Workshop-Monolog,
Dass so ein Intressentenkreis
Dieselben schlauen Bücher zog;
Er lächelte und schloss die Tasche,
Erkannte nicht die Schneeballmasche.

Noch lebte Ikarus im Rausch,
Noch stürzte er nicht taumelnd ab,
Noch blickte er im Höhenflug
Auf die Versager kalt herab –
Wenn sich auch schon die Bücher stauten
Und alte Auflagen ergrauten.

Mit „Powersätzen“ wischt er’s weg,
So sehr’s im Schlaf ihn manchmal quält,
Der Rest ist nur noch Selbstbetrug
Und – Geld weg, Haus weg – schnell erzählt:
Beim Anstoßgeber liegt der Gulden,
Er aber türmte hohe Schulden.

Er hetzte wie ein wildes Tier
Und musste strahlend fröhlich sein,
Sprach von der „rich community“
Und war doch mausegrau allein,
Nahm sich im Bahnhofsklo das Leben,
Ein leerer Lottoschein daneben.

©Wolfregen

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