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Caspar David Friedrich: Abtei im Eichwald (1809)

Caspar David Friedrich: Abtei im Eichwald (1809/10)

Das große Frieren

Seit Menschengedenken kein Winter war
Wie dieser in selbigem Unglücksjahr:
Es froren die Flächen von großen Gewässern,
Es fror in den Hütten, es fror in den Schlössern,
Es fror auf den Tafeln der Wein sogar.

Es starben die Leute landauf, landab,
Die Vögel, sie fielen schon tot herab;
Das Elend war maßlos, die Not ungeheuer,
Verbraucht war das Brennholz, das Brot wurde teuer
Und ganze Gemeinden verschlang das Grab.

Der bitterste Frost auch kein Ende nahm,
Die Bäume erfroren, die Saat verkam,
Es zogen die Tiere verstört aus den Wäldern,
Zu Tausenden lagen sie dann auf den Feldern –
Fromm wurden Gelehrte und Wölfe zahm.

Es schloss sich der Himmel, es fehlt der Sinn,
Selbst Fischschwärme trieben erstarrt dahin,
So weit man gehört und mit Schrecken vernommen:
Die Kälte ist bis nach Venedig gekommen,
Vereist die Kanäle und ruht darin.

Man legte sich schlafen, stand nicht mehr auf,
Nur Eisblumen wuchsen am Glas hinauf –
Die Fenster erblassen, die Spiegel erblinden,
Die Kerzen erlöschen, die Gondeln verschwinden -,
Ganz weiß lag die Stadt und der Schnee fiel drauf.

©Wolfregen

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