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Hieronymus Hess: Morgenstreich (1843)

Hieronymus Hess: Morgenstreich (1843)

Basler Morgenstreich

Schlag vier gehn plötzlich alle Lichter aus:
Die Lichter einer ganzen Innenstadt;
Auch zappenduster ist ein jedes Haus,
Was so schon etwas Ungeheures hat!
Im Dunkeln setzt sich jetzt aus dem Gedränge
Ernst in Bewegung die Laternenmenge
Mit Maskenköpfen, Lampen obendrauf,
Und löst sich bald in Einzelgruppen auf.

Querflötlein pfeifen durcheinander hell,
Sie ordnend setzt ein schroffes Trommeln ein,
Trägt Zug für Zug sein weckendes Gebell
Bis in die kleinsten Gassen streng hinein.
Hinauf geht’s in die Oberstadt am Hügel,
Ein Pfeifen rings, als sängen früh die Vögel,
Der Trommelschlag, ganz ungewohnt, berauscht,
Vorfrühlings süßes Nahen man erlauscht.

Mehr noch, man fällt berührt aus aller Zeit,
Fühlt alle Nächte hier in einer Nacht:
Als hätte Gott das Tor zur Ewigkeit
Im weiten All ein wenig aufgemacht.
Ein jeder, der hier stundenlang nur flötet,
Der sturheil Gleiches trommelt wie verblödet,
Preist Leben, geht auf einer Prozession:
Ein Glied, wüsst er auch selber nichts davon.

Es dämmert irgendwann, man kriegt’s nicht mit;
Mehlsuppe duftet, langsam wird es Tag,
Und wieder zwingt es uns zu gleichem Schritt,
Obwohl, nun frierend, man’s schon nicht mehr mag.
Doch unermüdlich ziehn wie Automaten
Die braven Schweizer, todernst wie Soldaten,
Starr hin und her, einander quer, im Zug,
Als müsst man rufen: Halt, es ist genug!

©Wolfregen

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